Informationsmodell: „Verstehen ist der Schlüssel zu guter Software.“ Stefan Berner im Interview

Stefan Berner ist diplomierter Ingenieur (ETH Zürich) und galt in der Schweiz lange Zeit als Guru im Bereich Datenmodellierung. Der 62-Jährige arbeitet seit über 30 Jahren in der Informatik in so unterschiedlichen Rollen wie Entwickler, Datenbankarchitekt, CASE-Spezialist, Projektleiter, Autor und Referent von IT-Kursen sowie als Dozent für Softwareengineering.

Seit einigen Monaten betreut Stefan Berner gemeinsam mit foryouandyourcustomers erfolgreich Kunden im Bereich Informationsmodellierung. Beim 29. Business Breakfast von foryouandyourcustomers, am 24. Oktober 2017, wird er in einem Vortrag sein Informationsmodell präsentieren. Im Interview mit foryouandyourcustomers erklärt er bereits im Vorfeld, warum dieses Modell erfolgsentscheidend für Unternehmen jeglicher Größe und Branche ist.

foryouandyourcustomers: Stefan Berner, in einer durchweg positiven Rezension zu Ihrem Buch „Informationsmodellierung“ schrieb ein Leser: „Das Buch spricht das vielleicht wichtigste Problem in der Software-Entwicklung an.“ Um welches Problem handelt es sich dabei?

Stefan Berner: Das Problem ist, dass viele Unternehmen – egal welcher Größe, egal welcher Branche – den Fokus zumeist auf das Verwalten von Daten legen. Ich will damit keinesfalls die Bedeutung einer sauberen Datenverwaltung in Abrede stellen, doch ich wende ein: Was nützt mir als Unternehmen beispielsweise ein Data Warehouse, in dem alle Informationen drinstecken, doch niemand kann diese Daten am Ende lesen, weil sie in den entsprechenden Abteilungen nicht verstanden werden? In meinen Augen setzen Unternehmen damit ihren Erfolg unnötig aufs Spiel. Denn ein Datennutzer möchte nicht die Daten sehen, er möchte und muss mit ihnen arbeiten und zu diesem Zweck muss man die Daten interpretieren können, erst dann zieht man einen Nutzen daraus. Modellierung der Geschäftsprozesse und der dabei manipulierten Daten kann maximal so gut sein, wie das zugrunde liegende Verständnis der Sache an sich. Deshalb sage ich im Umkehrschluss auch immer: Verstehen ist der Schlüssel zu guter Software.

foryouandyourcustomers: Das Problem sehen Sie also in einer fehlerbehafteten Kommunikation zwischen den Unternehmensebenen begründet?

Stefan Berner: In meinem Buch beschreibe ich es so: Erfahrungsgemäß liegt die Hauptursache für schlechte Software und gescheiterte IT-Projekte im mangelnden Verständnis der Fachwelt. Informatiker müssen verstehen, was die Anwender benötigen. Anwender müssen wiederum verstehen, wie sie Informationen nutzen und was sie von der IT verlangen sollen. Und dieser oftmals bestehende „missing Link“, die unbeantwortete Frage: Wie findest du den GAP zwischen dem Nutzer von Informationen und dem Verwalter von Daten und wie bringst du die benötigten Informationen in deine Datenbank später wieder zum Nutzer zurück, diesen „missing Link“ schließt mein Informationsmodell. Es ist die Schnittstelle, die die strukturierte Informationssicht mit der sehr strukturierten Datensicht verknüpft und dadurch viele Probleme einer Firma behebt.

foryouandyourcustomers: Dafür haben Sie eigens das Informationsmodell entwickelt?

Stefan Berner: Das ursprüngliche oder das dem Informationsmodell zugrunde liegende relationale Modell ist bereits 1972 von Codd für die Datenverwaltung geschaffen worden. Mein Beitrag ist eine zusätzliche Verwendung des Modells auf der Fachebene. Es hat sieben Elemente, mit denen man die gesamte Informationswelt eines Unternehmens einfach und grundlegend beschreiben kann. Oder anders gesagt: Mein Informationsmodell aus Benutzersicht und mein Datenmodel aus IT-Sicht kann man eins zu eins transponieren und das ist ein riesen großer Vorteil für jedes Unternehmen. Und diese Einfachheit, ich glaube nicht, dass es irgendwann einmal ein einfacheres Modell dafür geben könnte.

„Das Modell ist wie eine Informationslandkarte, die Unternehmens-Know-how strukturiert und aufzeigt, wie man problemlos von hier nach dort gelangt. Für eine Firma ist das ein riesen Gewinn.“

foryouandyourcustomers: Wie hilft das Modell einem Unternehmen in der Praxis?

Stefan Berner: Ich behaupte, dass man mithilfe des Modells im Unternehmen ein gemeinsames Verständnis schafft, für Strukturen, Abläufe, Abhängigkeiten und Bedürfnisse auf der jeweiligen Ebene. Nehmen wir beispielsweise den Begriff Artikel. Im Business ist es so, dass ein Artikel in der Produktion nicht zwangsläufig das gleiche bedeutet, wie im Verkauf. In der Produktion ist er beispielsweise ein Gegenstand, wohingegen man im Verkauf damit auch eine Dienstleistung des jeweiligen Unternehmens bezeichnet. Beide Seiten verwenden somit für unterschiedliche Dinge denselben Begriff. Derartige Missverständnisse ergeben viele Reibungsverluste und Probleme innerhalb eines Unternehmens und das lässt sich mit der Anwendung des Informationsmodells vermeiden, denn dort werden die Begriffe für eine bestimmte Umgebung klar definiert, wie in einem Glossar und jede Abteilung, alle Mitarbeitende wissen somit wovon die Rede ist. Oder ein Unternehmen möchte neue Systeme einsetzen und fragt sich, wie diese konfiguriert und an die Unternehmenskultur angepasst werden sollen? Mit unserem Modell würden wir diese Firma „abholen“ und analysieren, wie sieht der Verkaufsprozess innerhalb des Unternehmens aus und welche Informationen werden benötigt, um den Kunden zu befriedigen. Letztlich sorgt das Informationsmodell für das Matching von technischen Lösungen auf Business Anforderungen.

foryouandyourcustomers: Welchen weiteren Nutzen bietet der Einsatz des Modells?

Stefan Berner: Der externe Nutzen liegt in dem Vermeiden der bereits angesprochenen Probleme und Reibungsverluste, was wiederum zu einer Erhöhung der Qualität und damit einhergehend zu einem finanziellen Nutzen des Unternehmens beiträgt.

foryouandyourcustomers: Und der interne Nutzen, den ein Unternehmen daraus zieht?

Stefan Berner: Ich würde sagen, dass es den Abteilungen ein Werkzeug an die Hand gibt, um besser mit der IT zu kommunizieren.  Das dadurch geschaffene Verständnis über alle Ebenen hinweg – vom Management über Fachabteilungen bis hin zur IT – und die Klarheit sind von sehr großem Nutzen für jede Firma. Es ist ein Nutzen, der vielleicht nicht quantifizierbar ist, der sich letztlich aber in einer wesentlich besseren Zusammenarbeit der gesamten Organisation und einer erhöhten Zufriedenheit der Mitarbeitenden ausdrückt. Außerdem behaupte ich, dass die Qualität des Modells direkt mit den Kosten für Software korreliert. Richtig angewandt, wird die Software dadurch bediener- und wartungsfreundlicher.

foryouandyourcustomers: Welche Rolle spielt dabei das von foryouandyourcustomers entwickelte Ebenen-Modell?

Stefan Berner: Genau dieses Modell war für mich der Grund mit foryouandyourcustomers zusammenzuarbeiten. Im Endeffekt gibt es zahlreiche Parallelen zwischen ihnen: Beide Modelle gehen von der „Kundensicht aus, bei beiden Modellen sind Daten grundlegend und beide Modelle beziehen sich auf alle Ebenen von den Daten bis hin zum Kunden. Letztlich unterstützt mein Informationsmodell, den Durchstich durch die einzelnen Ebenen des foryouandyourcustomers Modells, weil es die Daten mit der Sicht von IT, Marketing und Management wie auch dem Kunden auf der obersten Ebene miteinander verbindet.