„Interaktive Inseln, als Spuren eines Menschen, des Menschen als Insel“

„Interaktive Inseln" ist der Titel der 25. Ausstellung von foryouandyourcustomers, die am Donnerstag, 22. Februar, am Standort in Uster eröffnet wird. Nur wenige Tage vor der Vernissage zur Jubiläumsausstellung durften wir Jurij Kolb in seinem Atelier besuchen und einen Blick auf die Auswahl seiner Werke werfen, an denen der Künstler aus Uster teils noch unter Hochdruck feilte. Trotz des Zeitdrucks nahm sich der Bildhauer und Gestalter eine kleine Pause und berichtete vom Reiz, der Herausforderung und den Möglichkeiten einen Ausschnitt seines Wirkens bei foryouandyourcustomers zu präsentieren.

Meterlange weißgelbliche Schaumspiralen hängen von der Decke, mit viel Fingerspitzengefühl und ebenso viel Kreativität bearbeitete Steinobjekte stehen auf Podesten in den lichtdurchfluteten Räumen verteilt; umgeben von mit Wachskreide bemalten Glasflächen, mit Stecknadeln fixierte Zigarettenstummeln, Fotografien, Zeichnungen und stapelweisen Ausdrucken – Grundmaterialien, Reproduktionen, Testobjekte und fertige Ausstellungswerke. Jurij Kolb führt uns durch sein Atelier, der Quelle seiner Arbeit für die bevorstehende Ausstellung. 

Hannes Weikert: Jurij Kolb. Ihnen gefällt es scheinbar, unter Zeitdruck zu arbeiten?

Jurij Kolb: (Lacht) Nicht unbedingt. Weshalb fragen Sie?

Hannes Weikert: Ende November gaben Sie Ihre Zusage für die 25. Ausstellung bei foryouandyourcustomers. Sie selbst sprachen von einer sehr, sehr kurzen Vorlaufzeit und einer großen Herausforderung.

Jurij Kolb: Zugegeben, eine kurze Vorlaufzeit, da ich kein Künstler bin, der sagt: Okay, ich sammle jetzt irgendwelche Objekte in meinem Atelier zusammen und die stelle ich dann aus, nur damit der Raum gefüllt ist und die Menschen etwas zu sehen bekommen. Für mich ist es grundlegend, dass meine Kunst mit dem Ort zusammenwirkt, an dem sie präsentiert wird. Sie muss dort hinpassen, um so letztlich auch auf den Betrachter wirken zu können. Als ich die Büroräumlichkeiten bei foryouandyourcustomers das erste Mal sah, war mir aber sofort klar: Die Dimensionen stimmen, ich muss diese Ausstellung hier machen.

Hinzu kam, dass es auch für mich eine tolle Chance darstellt, meine Arbeiten dort in einer Einzelausstellung über einen sehr langen Zeitraum präsentieren zu dürfen. Mit der Zusage habe ich mich letztlich also selbst herausgefordert, in kurzer Zeit auf den Raum entsprechende Werke zuzuarbeiten und auszuwählen. Deshalb arbeite ich gerade auch noch fleißig an dem ein oder anderen (lacht).

Hannes Weikert: Spielte es während dieses Schaffensprozesses eine Rolle, ob Sie Kunst für ein Atelier oder ein Büro anfertigen? Ob die Kunst im Zentrum der Besucher steht oder in den Tagesablauf von arbeitenden Menschen eingebettet wird? 

Jurij Kolb: Im Entstehungsprozess nicht. Aber natürlich ist auch das Wechselspiel zwischen der Kunst, den Ausstellungsbesuchern und den Mitarbeitern ein spannender Aspekt. Die Ausstellung wird ein Jahr lang zu sehen sein und ich bin neugierig, wie die Reaktionen vor allem auch der Mitarbeiter bei der Vernissage ausfallen werden, wie sie später ihren Gästen die Werke beschreiben und welche Beziehung sie über die Monate hinweg zu den Skulpturen, Bilder und Installationen aufbauen – ja, wie sie sich mit der Kunst über die Zeit beschäftigen. Das ist aber ein Thema, mit dem ich mich jetzt noch nicht zu stark befasse. Mein Fokus liegt primär auf der Vernissage 

Hannes Weikert: Sie werden zahlreiche Werke unterschiedlichster Machart aus unterschiedlichsten Materialien präsentieren. Als was für einen Künstler bezeichnen Sie sich selbst: Bildhauer, Objekt- oder Fotokünstler, Maler?

Jurij Kolb: Künstler werden von den Menschen immer gerne in eine Schublade gesteckt, aber das gefällt mir nicht. Meine Arbeiten entstehen als Reaktionen auf zeitlichen und räumliche Impulse hin, sprich: zeitlich, wenn mich etwas beschäftigt und bewegt und räumlich, wenn ich etwas beobachte oder wahrnehme, was ich in Kunst ausdrücken möchte. Und wenn mich ein Thema reizt, ich mit einer Situation konfrontiert werde, auf die ich reagieren will oder muss, dann nehme ich mir die Freiheit, darauf zu reagieren, wie ich es für richtig erachte. Ob in Form von Seismogras, ebenfalls zu sehen bei der Ausstellung, oder der Kaugummiinelns. Es ist einzig entscheidend, dass mein Tun für mich stimmig ist. Deshalb kann es sein, dass ich mit Schaum, mit Malerei, der Fotografie, am Stein oder wie bei der aktuellen Ausstellung mit all diesen unterschiedlichen Materialien und Formen arbeite.

Hannes Weikert: Durch Ihre Herangehensweise entstehen Arbeiten, die unter anderem weggeworfene Kaugummis und Zigarettenstummel zum Ausgangspunkt haben?

Jurij Kolb: Sie können mir glauben, auch bei mir gab es anfangs Momente, in denen ich meiner Idee sehr kritisch gegenüberstand. Eine wichtige Frage, die ich mir immer wieder stellte: Kann man das überhaupt Ernst nehmen? Ich sage ja. 

Hannes Weikert: René Anliker, der bei der Vernissage die Einführung in Ihr Werk übernehmen wird, schrieb für unsere Einladungskarte dementsprechend: „Alltägliche unscheinbare menschliche Spuren werden durch den Künstler auf ihre interaktiven Momente hinterfragt, unerwartet sichtbar gemacht und zueinander in Beziehung gesetzt.“ 

Jurij Kolb: Angefangen hat alles mit Wartezeiten auf Bahnhöfen. In dieser Zeit fiel mir auf, dass dort, wo sich viele Menschen bewegen, Tausende von Kaugummis auf dem Boden liegen. Gleichzeitig habe ich aber nie jemanden gesehen, der einen dieser Kaugummis wegwarf. Sie liegen dort, meistens ziemlich geballt um Mülleimer verteilt und für mich sind sie eine Spur, Überbleibsel eines Menschen. Und zwischen dem, was dort liegt und dem, was ich nicht weiß, besteht eine Spannung. Diese Interaktion zwischen einem weggeworfenen und zertretenen Kaugummi auf dem Boden und dem Menschen, dem dieser Kaugummi einmal gehörte, fing ich an zu hinterfragen und in meinen Werken zu visualisieren. Die Kaugummis waren aber nur der Anfang. Denn schnell realisierte ich: Dieses Thema entwickelt sich künstlerisch immer weiter und so entstanden viele Arbeiten in unterschiedlichster Form, die man auch bei der Ausstellung sehen und erleben wird.

„Als ich die Büroräumlichkeiten bei foryouandyourcustomers das erste Mal sah, war mir sofort klar: Die Dimensionen stimmen, ich muss diese Ausstellung hier machen.“
Jurij Kolb

Hannes Weikert: Mit dem Titel „Interaktive Inseln“.

Jurij Kolb: Richtig. Nehmen wir dieses weiße Objekt aus Stein mit seinen Rundungen und Einkerbungen hier neben uns. Ausgangspunkt war auch hier einer der unzähligen Kaugummis, die ich entdeckt hatte. Als ich anfing Markoaufnahmen von ihnen anzufertigen, fiel mir auf, dass hinter diesem unscheinbaren Stück auf dem Boden viel, viel mehr steckt. Das vermeintlich ekelhaft Empfundene wurde zu einem einzigartigen Fingerabdruck seines vormaligen Besitzers. Die Fotos zeigten mir: Jeder dieser Kaugummis ist völlig anders, besitzt eine individuelle Topografie und daraus entstanden Kaugummiinseln, wie hier in Steinform oder in Form von Fotografien. Und diese Inseln habe ich wiederum in Verbindung zum Menschen gesetzt, von dem dieser Kaugummi stammte. Jeder Mensch ist ein Individuum, einer Insel gleich. 

Dasselbe ist die Arbeit mit den Zigarettenstummeln, die ich jetzt erstmals präsentieren werde. Seit gut fünf Jahren sammle ich an unterschiedlichen Orten einzelne Stummel auf. Der Prozess und nicht die Menge steht dabei im Vordergrund. Das Analysieren des Zigarettenstummels und die Art der Präsentation, aufgepinnt wie in einer naturhistorischen Sammlung, deutet für mich auf die Auseinandersetzung der Menschen mit ihrer Geschichte hin.

Ich fotografiere die Stummel vor Ort und packe sie ein. So besitze ich von jeder aufgesammelten Zigarette die GPS-Daten. Es ist aber nicht nur der Fundort, der mich interessiert, sondern es sind die Daten, die sich daraus ergeben, die Nummer, die entsteht. Und auch hier wieder: Ein Individuum und eine eigene Identität durch eine Nummer.

Hannes Weikert: In wenigen Tagen, können sich die Besucher der Vernissage erstmals ein eigenes Bild von Ihrer Kunst verschaffen. Mit welchen Erwartungen und Gefühlen sehen Sie dem Event entgegen?

Jurij Kolb: Wie ich anfangs schon sagte: Es ist mir enorm wichtig, Kunst und Raum zusammenzubringen. In dieser Atmosphäre sollen Betrachterinnen und Betrachter sich einfühlen und daran teilhaben können. Sie sollen sich Zeit nehmen für das, was sie sehen; zulassen, dass sich meine Kunst an Ihnen „festsetzen“ kann. Das ist meine Hoffnung für den Event.

Für mich als Künstler bringt das eine hohe Anspannung mit sich. Denn ich öffne mich durch das, was ich präsentiere dem Betrachter, gebe meine gesamte Sensibilität, die mit meinen Werken verbunden ist, preis und setze mich dessen Reaktionen aus. Deshalb durchlaufe ich im Moment Wechselbäder der Gefühle. Diese Art des Lampenfiebers ist aber ein gutes Zeichen.

 

Sie sind herzlich eingeladen

Die Ausstellung, kuratiert von Sali Ölhafen, kann bis Februar 2019 nach telefonischer Anmeldung unter +41 44 210 44 77 besichtigt werden.