UX Munich mit foryouandyourcustomers

Vor nicht all zu langer Zeit hatte ich die Freude, mich gemeinsam mit meinem Kollegen Jonathan Bauer unter unseresgleichen zu mischen: Wir waren neben gut 250 weiteren Interessierten ins Künstlerhaus München gepilgert – zur erstmals stattfindenden UX Munich

Vor nicht all zu langer Zeit hatte ich die Freude, mich gemeinsam mit meinem Kollegen Jonathan Bauer unter unseresgleichen zu mischen: Wir waren neben gut 250 weiteren Interessierten ins Künstlerhaus München gepilgert – zur erstmals stattfindenden UX Munich. Abgesehen von einer Handvoll renommierter Vortragenden wussten wir zunächst nicht, was uns in den kommenden zwei Tagen erwarten würde. Doch wie sooft waren es am Ende einmal mehr die eher unbekannten Gesichter, die durch teils großartige – aber auch kontroverse – Beiträge die UX Munich zu spannenden zwei Tagen werden ließen.

Vorneweg: User Experience Design ist noch eine sehr junge Disziplin, welche bis heute noch keine definierten Grenzen kennt. Umgekehrt gewinnt UXD in unserer Branche zunehmend an Bedeutung. Die Professionen der Teilnehmer waren demnach höchst unterschiedlich und die Fragestellungen breit. Und so reichte das Spektrum der Themen von der Konzeption über die Kreation bis hin zur Software-Entwicklung und von Design-Theorie über Best-Practice-Floskeln bis hin zu philosophischen Grundsatzdebatten.

Den wohl bleibendsten Eindruck hinterließ für mich Nishant Kothary (@rainypixels). Sein herausragender Beitrag über interdisziplinäre Kollaboration zeigte eindrücklich, dass es selten die eigentlichen «Hard-Skills» sind, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Vielmehr ist es die Fähigkeit – oder eben auch Unfähigkeit – der Menschen mit Menschen zusammenzuarbeiten. Das ist an sich eine bekannte Tatsache. Das Gelingen von Projekten wird dagegen jedoch nur sehr selten nach diesem Gesichtspunkt bewertet. Nishant Kothary stellte folglich die (wertfreie) Behauptung in den Raum, dass es keineswegs einfach ist, Großartiges zu replizieren, oder einmal begangene Fehler zu vermeiden, sofern die zusammenarbeitenden Menschen andere sind, als jene, die eben diese Erfahrungen bereits gemacht haben. Das ist ein wertvoller Gedanke, zumal unsere eigene Arbeit nahezu immer durch die Einflüsse anderer (mit-) bestimmt wird. Diese Einflüsse zu erkennen und zu bewerten, um daraus Erkenntnisse und Konsequenzen zu ziehen, ist dabei die wahre Herausforderung, langfristig erfolgreich zu sein. Auf seinem großartigen Blog gibt’s dazu mehr zu lesen.

The Honey Badger Way
The Honey Badger Way

Vitaly Friedman (@smashingmag) – Chefredakteur von Smashing Magazine, dem Online-Magazin über Webdesign und Frontend-Entwicklung schlechthin – bat zu obigen Beitrag einen nicht minder spannenden Gegenpol. Wie kein Zweiter schaffte es Vitaly in jedem (zumindest in jedem zweiten) Teilnehmer die Lust aufs Programmieren zu wecken. Zumal ich selbst gerne Code schreibe, waren die vorgestellten Frontend-Konzepte doppelt spannend, doch zeigten sie mir vor allem eines: wie sehr erwachsen doch HTML, CSS und JavaScript geworden sind. Nicht, dass sich die Sprachen an sich um vieles weiterentwickelt hätten. Vielmehr ist es die Kenntnis um das Zusammenspiel der einzelnen Technologien, welche heute in der Frontend-Entwicklung die Spreu vom Weizen trennt: Elaborierte Interaktionsmuster, die unterschiedlichsten Endgeräte und unzählige Browser, welche unterstützt werden wollen, verlangen zunehmend – neben klugen Konzepten – auch im Frontend eine kluge Software-Architektur. Umgekehrt bedeutet das aber auch, die Frontend-Entwicklung nicht länger als Stiefkind der Software-Entwicklung abzustempeln: Frontend-Entwicklung ist eine Wissenschaft für sich geworden!

Vitaly Friedman stellt moderne Frontend-Konzepte vor.
Vitaly Friedman stellte moderne Frontend-Konzepte vor.

Kontroverse Paradigmen wurden schließlich von Leisa Reichelt (@leisa) aufgestellt, als sie sich ganz klar gegen den Einsatz von Rapid-Prototyping-Werkzeugen wie Axure aussprach und für das Prototyping direkt im Code predigte. Ich selbst konnte bis dato Erfahrung mit beiden Ansätzen sammeln und muss heute sagen: Es kommt drauf an. Während Axure sich sicher gut eignet, erste Ideen zu visualisieren und fühlbar zu machen, kann durch das Prototyping im Code bereits sehr früh ein ausgefeiltes Interaktions-Design getestet werden. Ich empfehle demnach wirklich jeden, der Konzepte erdenkt, in seinen Werkzeugkoffer von Papier und Bleistift über Axure und Balsamiq bis hin zu Twitter Bootstrap einfach alles einzupacken und auch auszuprobieren. Folglich muss jeder für sich selbst und sein Projekt entscheiden, welches Vorgehen eher zum Ziel führt. Jedes Werkzeug wird immer seine Vor- und Nachteile mit sich bringen. Kategorisch eine Arbeitsweise für eine gesamte Disziplin de facto auszuschließen, halte ich jedoch für gefährlich.

Leisa plädiert für das Prototyping direkt im Code.
Leisa plädierte für das Prototyping direkt im Code.

Ich schreibe diesen Blog-Beitrag gerade mit dem iA-Writer – ein wirklich großartiger Text-Editor aus der Feder der Information Architects und nicht zuletzt Oliver Reichensteins (@iA). Letzterer sprach über die Kunst der Reduktion und über die Gratwanderung des zu viel und des zu wenig. Mit seiner sehr unterhaltsamen – aber höchst designtheoretischen – Betrachtung diskutierte er in der Manier eines selbstironischen Professors das Spannungsfeld zwischen Funktion und Ästhetik. Gespickt von Geschichten und Beispielen seiner ganz persönlichen Gratwanderung als Designer, gab er im Sinne des japanischen Konzepts des Wabi Sabi allen Teilnehmern noch etwas Gehirnfutter mit auf den Weg: Reduktion auf das Wesentliche ist eine Annäherung, ein schrittweiser Prozess. Wir alle suchen immer, jedoch vergeblich, nach Perfektion. Vielmehr sollen wir das Schöne in dem erkennen, was wir mit unserem täglichen Tun in kleinen und kleinsten Schritten verbessern. Letztere Aufforderung lasse ich fürs Erste als Definition für User Experience Design im Generellen und meine Arbeit im Speziellen gerne gelten.

In diesem Sinne freue ich mich auf die UX Munich 2014.